Archiv

Kategorien Archive für: ‘Foto’
Kleine Figuren auf der Stange

Es gibt so viele Dinge, an denen rennt man einfach vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Gerade beim Fotografieren ist das natürlich oft schade. Was wirklich helfen kann, ist nach jedem eingefangenen Bild noch einmal den Ort abzuscannen. Also noch mal zurückblicken und vor allem: Hochsehen! Über unserem Blickfeld verstecken sich so oft schöne Details und die Perspektive ist natürlich auch immer etwas ganz besonderes. Deshalb gibt es diese Woche ein paar Motive auf die Augen, die ich alle stumpf verpasst hätte, wäre da nicht der kleine Punkt “Hochsehen” auf meiner Checkliste gewesen.

Den Anfang macht dieses seltsame Ensemble kleiner Figuren. Gut fünf Meter über einer kleinen Gasse in Málaga hatte es sich versteckt und bescherte mir feinste Nackenschmerzen, weil ich mich wie doof abkrampfte, um die Szene irgendwie ins Bild zu kriegen.

Pentax k7, Pentax 50mm 1.4, f10.0, ISO 200, 5 Belichtungen, Photomatix & Co.

Fly over Bremen

Mit gutem Licht ist es im Herbst ja so eine Sache. Entweder es ist fantastisch oder grausam. Als mich ich aufs Fahrrad setzte, um noch eine Runde zu drehen, war das Licht eher Option Nummer Zwei, also eine richtig fiese graue Matsche. Zum Glück wurde es mit untergehender Sonne immer besser und als ich am Ende der Rollbahn des Bremer Flughafens stand, leuchtete der Himmel in feinsten Farben.Es war also doch nicht umsonst, die Kamera eingepackt zu haben.

Ich stand vor diesem rostigen Zaun und freute mich über das Licht, als ein älterer Herr auf seinem Fahrrad herangeklappert kam. “Na, sind Sie Nachwuchspilot?”, rief er und kam wacklig zum stehen. Ich sagte, dasss ich das glücklicherweise nicht sei. Er nickte und deutete Richtung Rollbahn. “Ich warte immer ein Flugzeug ab, dann fahr ich weiter”, erklärte er, beide Hände fest am Lenker. “Nettes Ritual”, dachte ich und schraubte das Fisheye-Objektiv auf die Kamera.

Ein paar Minuten später donnerte ein Flugzeug über unsere Köpfe hinweg. Die Mission des älteren Herren war erfüllt. Mein Foto war im Kasten. Ein letzter Gruß und ab nach Hause.

Pentax k7, 8mm Fisheye, f11, ISO 200, 5 Belichtungen, Photomatix & Co.

Autoscooter

Ein Autoscooter ist der Tempel eines jeden Volksfestes. Hier bestimmen Rituale das illustre Treiben: Lässig lehnt die Jugend am Geländer und säumt, wie antike Säulen eine Kultstätte, den Platz. Brüllend laut schallen Ballermann-Hits aus großen Lautsprechern, so wie die Glocken zum Gottesdienst rufen. Wie Opfergaben werden unablässig Plastikchips in die kleinen Autos gesteckt und nur wenigen Personen sind beneidenswerte Privilegien vorbehalten. So wie ein Priester, mit heiligen Reliquien bestückt, gibt es den Mann mit dem Schlüssel zum Glück. Den steckt er in die fahrbaren Untersätze und bewegt sie gekonnt über die Bretter ohne dafür zu zahlen. Das gemeine Volk würdigt die perfekten Einpark-Manöver mit ehrfurchtsvollen Blicken.

Wer zum Autoscooter pilgert, der entledigt sich seiner Seelenqualen aus dem Allltagsverkehr. Aufgestaute Frustrationen vom abermals verlorenen Rennen an der Ampel werden hier abgebaut. Heruntergeschluckte Aggressionen vom demütigenden Überholmanöver großspuriger Luxuswagen finden hier ihre heilige Rache.

Auf dem Parkett sind alle gleich. Man zwängt sich in den kleinen Streitwagen, bunte Neonröhren tauchen alles in psychedelisches Licht. Und dann sucht man ihn: den Feind. Jemanden der so aussieht wie der Mensch, der einem zuletzt zur Weißglut getrieben hat. Man beobachtet ihn, nähert sich einhändig kurbelnd, zielt verbissen und dann: Bamm! Wumm! Geübte Pilgerer werfen kurz vor dem Aufprall noch ihr gesamtes Körpergewicht in den Angriff.

Wer sich dann immer noch nicht befreit fühlt oder einen Hang zur Selbstzerstörung hat, der kauft weitere Plastikchips und setzt das Ritual bis zur Ekstase fort. Schade, dass dieser Tempel Öffnungszeiten hat und irgendwann der Strom abgeschaltet wird.

Pentax k7, 8mm Fisheye, f5.6, ISO 500, 5 Belichtungen, Photomatix und Co.