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Tag Archive für: ‘feuerzangenbowle’
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So. Weihnachtlich es soll jetzt auch in diesem Teil des Netzes werden. Und deshalb gibt’s den Bremer Weihnachtsmarkt auf die Augen. Mit all dem Kitsch, Gedudel, Geruchsnerven-Overkill und Menschen, die alljährlich die Macht der Feuerzangen-Bowle unterschätzen. Während ich das Foto machte, musste ich meine Kamera mit vollem Einsatz, vor nicht mehr gut riechenden Papis, beschützen und machte mir dabei so meine Gedanken:

Die Papis grölten lauthals und konnten ihre kümmerliche Existenz nur noch vor dem endgültigen Würdeverlust bewahren, indem sie sich an die Brüstung klammerten, auf der ich auch stand. Toll, wie die sich festhalten können. Am Geländer und am Glühweinbecher. Und auch toll, wie sie festhalten können, an der jährlichen Tradition, sich das immer wieder anzutun. Zusammengepfercht stehen sie dann da, in einer Hütte die „urig“ und „gemütlich“ sein soll, tatsächlich aber ist diese Feuerzangen-Bowle-Ausschank-Stätte das Gegenteil davon. Im trüben Schein gelber Funzeln stehen dann trübe Geister und trinken rotes Zeug. In dicken Winterjacken eingepackt, schwankt dann eine dumpfe Masse im Takt grenzdebiler Musik und lacht über dumpfe Witze. Der schlammige Schneematsch, den die alkoholisierte Gemeinschaft breittritt, ist dem Gemüt aller Tretenden erstaunlich ähnlich. Und wenn man sich die Anwesenden genauer ansieht, weiß man auch warum.

Irgendjemand muss irgendwann einmal entschieden haben, dass es wirklich verdammt komisch ist, rote Weihnachtsmann-Mützen mit viel Glitzer aufzusetzen oder so ein Rentier-Geweih mit bunten Blinklichtern ins schütte Mittdreißiger-Haar zu setzen. Das ist ungefähr so komisch, wie ein Hund, den sein Frauchen in eine warme Thermo-Jacke, gezwungen hat. Aber wer sich mit solchen Geschmacklosigkeiten behängt, gehört wenigsten dazu. Und das ist wichtig. Ist es doch schwierig, in der düsteren Winterzeit überhaupt irgendwo dazuzugehören.

Aber eigentlich sind diese Plätze stumpftrüber Zusammenkunft eine ehrenwerte Errungenschaft einer leidgeprüften Gesellschaft. Sind sie doch nicht weniger, als die letzte Rettung verzweifelter Menschen, die dem Vorweihnachts-Terror der Einkaufstraßen zu entfliehen versuchen. Diesen Leuten geht es wirklich schlecht. Das sieht man. Und hier wird ihnen geholfen. Eine heiße Kelle Glühwein kann so viel Trost spenden. Und weil es Einkaufstüten voller Präsente schaffen, Gelenke, Budgetgrenzen und letzlich auch den Menschen zu brechen, kann so ein Weihnachtsmarkt die letzte Zuflucht sein. Wer hier hinkommt, verkündet ohne es sagen zu müssen, den Kampf verloren zu haben und findet Mitgefühl. Sich kollektiv seinem Schicksal zu ergeben, kann so befreiend sein.

Wie man es allerding schafft, der Musik standzuhalten, die aus den Lautsprechern über der Theke glitscht, ist mir ein Rätsel. Nichts auf dieser Welt kann unerbittlicher ins Gehrin kriechen, als „Last Christmas“.  Und wenn dann noch Feuerzangen-Bowle dazukommt (die kannn das nämlich am zweitbesten), ist alles, wirklich alles zu spät.

Und während ich das so dachte, kippte mir einer von den fiesen Papis unbemerkt Glühwein auf den Rucksack. Ich verließt den Schauplatz und ging mit dem Gedanken nach Hause, dass Weihnachtsmärkte als Orte sozialer Kollektiv-Resignation eine Daseinberechtigung hätten… Und dann sickerte der Glühwein klebrig-kalt von hinten durch meine Jacke…

Pentax k7, 8mm Fisheye, f6.3, ISO 200, Panorama-HDR aus 2 Bildern mit jeweils 5 Belichtungen, Photomatix & Co.